Was versteht man unter Autismus, ist mein Kind autistisch?

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„Grenzt sich ab, meidet Blickkontakt, verlangt Rituale – ist mein Kind autistisch?“
Immer mehr Eltern suchen Rat bei den Autismus-Experten der LWL-Elisabeth-Klinik
Seit zweieinhalb Jahren gibt es die Autismus-Diagnostik in der Elisabeth-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). 30 Kinder und Jugendliche hat Bernd Hofmann, Heilpädagoge und Leiter der Diagnostik seither getestet. Und die Anfragen werden immer mehr. Dabei ist längst nicht jeder vorgestellte junge Patient ein Autist. Auch andere psychische Erkrankungen können ähnliche Symptome zeigen. Und manchmal liegt das Problem auch ganz woanders.

Herr Hofmann, was versteht man überhaupt unter Autismus?
Hofmann: Stellen Sie sich vor, das Gehirn wäre eine Straßennetz, das unterschiedliche Orte miteinander verknüpft. Die einzelnen Orte stehen für bestimmte Fähigkeiten, die teilweise aufeinander aufbauen. Bei einem Autisten fehlen von Geburt an ganze Ortschaften und die entsprechenden Straßen führen ins Leere. So fehlt diesen Menschen entwicklungsbiologisch die Möglichkeit, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln wie zum Beispiel rein intuitiv ein trauriges von einem zufriedenen Gesicht zu unterscheiden und sich dementsprechend in unterschiedlichen Situationen angemessen zu verhalten. Sie sind nur auf ihre eigenen Bedürfnisse fixiert. Andere Bereiche bzw. Straßennetze sind dagegen voll ausgebaut und funktionstüchtig. Im Fachjargon spricht man von eine neurobiologischen Störung der Hirnentwicklung, die eine tiefgreifende Entwicklungsstörung mit Auswirkungen auf die Soziale Interaktion, Kommunikation und Verhaltensmuster verursacht.

Und woran erkennt man autistische Verhaltensweisen?
Hofmann: Die gibt es teilweise schon im Säuglings- oder Kleinkindalter. Zum Beispiel wenn ein Baby kein Interesse an seinen Bezugspersonen zeigt, nicht auf den Arm genommen werden will und auch kein Interesse zeigt, durch Nachahmung zu lernen. Dieses kann sich auf den Spracherwerb auswirken, der manchmal sogar ganz ausbleibt. Man spricht in diesem Fall vom „Kanner-Autismus“. Manchmal durchlebt ein Kind aber auch bis zum vierten Lebensjahr eine unauffällige Entwicklung. Dann ist mit dem Spracherwerb zumindest der Grundstein für eine Interaktion mit anderen gelegt. Trotzdem haben diese jungen Patienten massive Probleme mit anderen in Kontakt zu treten. Diese Unterform des Autismus bezeichnet man als „Asperger-Syndrom“. Hier ziehen sich die Betroffenen ebenfalls häufig total aus Beziehungen zurück. Es gibt aber auch andere Fälle wie den eines jungen Patienten, der seine Mitschüler in Grund und Boden gequatscht und sie ständig im Unterricht verbessert hat. Er konnte einfach nicht empfinden, wann er andere nur noch genervt hat. Und das ist eben allen Betroffenen zu Eigen. Sie können sich nicht oder nur schwer in andere Menschen hineinversetzen. Eine Beziehung, die rein intuitiv aus Geben und Nehmen besteht ist für sie nicht möglich. Eine Zuneigungsbekundung wie „Ich hab‘ dich lieb!“ werden Eltern eines autistischen Kindes nicht hören.
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Wenn Autisten sich also nicht gut auf die Interaktion mit Menschen verstehen, haben sie dann gar kein Interesse für ihre Umwelt?
Hofmann: Doch, aber eher für Dinge. Ich hatte hier zum Beispiel einen kleinen Jungen, der es geliebt hat, die Trommel einer Waschmaschine immer und immer wieder zu drehen. Ein anderer junger Patient hatte das U-Bahn-Netz mehrerer Großstädte detailliert im Kopf. Der konnte rein gedanklich jede Strecke von „a“ nach „b“ fahren und kannte sämtliche Haltestellen auf dem Weg.
Autisten lieben diese Gleichförmigkeit von Abläufen. Deshalb sind sie häufig geradezu abhängig von Ritualen. Gewisse Abläufe müssen immer absolut identisch sein, Utensilien oder Dekoration exakt an der gleichen Stelle stehen. Das treibt so manche Familie an den Rand der Verzweiflung.
Bei welchen Warnzeichen würden Sie Eltern oder Sorgeberechtigten zur Vorstellung in einer Autismus-Diagnostik raten?
Hofmann: Zunächst einmal gibt es den Autismus an sich selten in einer reinen Form. Eine Häufung einzelner Symptome sollte stutzig machen. Wenn ein Kind den Kontakt zu anderen Kindern meidet, keinen Blickkontakt aufnimmt und nur im Haus bleibt, müssen das noch keine autistischen Züge sein aber wenn „Marotten“ hinzu kommen, wie das völlige Unvermögen mit Veränderungen klar zu kommen, zum Beispiel eine neue Jacke anzuziehen, weil die andere zu klein geworden ist, Spielsachen neu anzuordnen oder ausnahmsweise abends statt morgens zu duschen – dann sollte man schon einmal näher hingucken.
Wie können Eltern Kontakt zu Ihnen aufnehmen?
Hofmann: In der Regel kommen Eltern mit einer Überweisung ihres Kinderarztes oder eines Kinder- und Jugendpsychiaters zu uns in die Ambulanz. In einem ersten Kontakt mit der dort zuständigen Oberärztin werden die notwendigen medizinischen Befunde abgeklärt und erste Fragebögen mitgegeben. Diese werden dann zurückgesandt und ausgewertet. Erst bei entsprechenden Anzeichen wird die eigentliche Diagnostik eingeleitet.
Und was passiert in der Diagnostik?
Hofmann: Zu Beginn steht ein ausführliches Elterninterview, wo es für mich darum geht, detailliert nachzufragen, um welche speziellen Auffälligkeiten es sich beim jeweiligen Patienten handelt, und seit wann diese bestehen.
Zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt die eigentliche Autismusdiagnostik, bei der es darum geht, das Kind näher kennenzulernen und sein Verhalten auf einer wissenschaftlich fundierten Basis einzuschätzen. Bei diesem Termin werden mit Hilfe spezieller Spielmaterialen und im Gespräch mit dem jungen Patienten Verhaltensweisen beobachtet und notiert. Die Auswertung erfolgt nach einem genormten Verfahren, wobei sich nach der Auswertung zeigt, ob die Summe der gezeigten Verhaltensweisen ausreicht, um einen Autismus zu diagnostizieren.
Denn nicht jeder, der etwas anders agiert als „normal“ ist gleich ein Autist. Mancher Jugendliche zieht sich zurück, weil er eine depressive Episode hat, sich in der Schule überfordert fühlt oder an einer Lernstörung leidet. Von den 30 Patienten, die sich hier vorgestellt haben, wiesen nur zehn eine autistische Störung auf. Und selbst dann, wenn nach der Auswertung der Untersuchungsergebnisse alles für einen Autismus spricht, ist diese Diagnose für mich nicht in Stein gemeißelt, sondern ich empfehle immer eine Überprüfung nach zwei Jahren.
„Diagnose Autismus“ klingt ziemlich bedrohlich. Was passiert danach?
Hofmann: Eine solche Diagnose hat schon eine Auswirkung auf das weitere Leben des Patienten und seiner Eltern. Aber darin liegt auch eine Chance, nämlich die einer speziellen Förderung, die das Leben für alle Beteiligten leichter macht. Je nach Ausprägungsgrad überweise ich diese jungen Menschen an spezielle Zentren wie das Autismus-Therapie-Zentrum Dortmund. Manchmal ist auch eine stationäre Aufnahme nötig, etwa weil der Patient ein aggressives Verhalten zeigt. Im Fall eines Asperger-Syndroms reicht manchmal schon eine ambulante Therapie, in der die Patienten ihr Sozialverhalten trainieren, um besser mit ihrer Umwelt klarzukommen. Natürlich werden diesen jungen Menschen wohl keinen „Oscar“ für ihre emotionale Intelligenz bekommen, aber sie können im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchaus ein erfülltes Leben mit einer erfolgreichen Berufstätigkeit führen. Denn ihre ausgeprägte systematische Arbeitsweise ist in bestimmten Berufszweigen sehr gefragt.

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One Comment to “Was versteht man unter Autismus, ist mein Kind autistisch?”

  1. Toll dass sie das Gehirn ebenfalls als eine Art Straßennetz beschreiben, in meinem Kinderbuch zum Thema Autismus geht es genau darum.
    Ich finde gut, dass Sie aufklären!!! Weiter so
    Hier ein kleiner Einblick in mein Kinderbuch „Svea ist besonders“

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